ESI News


Das war ESISyNC 2020

ESISyNC ist das Highlight des akademischen Jahres am ESI, auf das sich alle schon lange im Vorfeld freuen. Bei der kleinen, intensiven Konferenz haben die Forscher am ESI das Privileg, führende Neuro-Wissenschaftler ans Institut zu holen. Drei Tage dreht sich dann alles nur darum, gemeinsam zu diskutieren und Inspiration zu sammeln. Eine tolle Chance, die eigene Arbeit im Kontext des großen Ganzen zu sehen. Das Event aufgrund von Covid-19 einfach ausfallen lassen? Das kam für das Organisationsteam nicht in Frage. Stattdessen schwenkten die Postdocs*, Doktorandinnen* und Technischen Assistenten* um, bestellten das Essen ab und schafften ein Online-Konferenz-Tool an. ESISyNC dieses Jahr mal ganz anders: komplett digital im WWW.

27 Aug 2020


Covid-19 hin oder her - die ESISyNC Organisatoren haben Spaß auf der Konferenz. Bild: Athansia Tzanou

Covid-19 hin oder her - die ESISyNC Organisatoren haben Spaß auf der Konferenz. Bild: Athansia Tzanou

Frederike, Ben und Rasmus, ihr wart Teil des Organisationsteams. Wie war es, plötzlich statt einer „normalen Konferenz“ auf online umzustellen?

Frederike Klein: Sehr kreativ, würde ich sagen. Und wahnsinnig viel Arbeit. Die Konferenz wird jedes Jahr von anderen wissenschaftlichen und technischen Mitarbeitern organisiert und um zu verhindern, dass nicht alle die gleichen Anfängerfehler machen, gibt es so eine Art Handbuch, das immer ergänzt und weitergegeben wird. Aber das hat uns dieses Jahr natürlich gar nichts geholfen, weil eine Online-Konferenz eben ganz andere Zutaten braucht. Wir mussten also die Hotelzimmer, die wir für die Redner schon gebucht hatten, stornieren, das Catering absagen und auch Abschied nehmen von den schönen Ideen, die wir schon hatten, um „unsere“ ESISyNC individuell zu gestalten. Stattdessen haben wir viel überlegt, was die richtige Software ist, wie man einen Zeitplan macht, der in Japan und an der Westküste der USA gleichermaßen vertretbar ist, was es beim Datenschutz zu beachten gibt und wie wir es hinbekommen, dass es trotz allem ein soziales und interaktives Event wird.

Ihr seid nicht die einzigen, die die Herausforderung meistern mussten, eine wissenschaftliche Konferenz komplett virtuell durchzuführen. War es bei der Planung hilfreich, vorher schon mal als Teilnehmer bei einer Online-Konferenz dabei gewesen zu sein?

Benjamin Stauch: Absolut! Von der Konferenz-Software, die wir dann letztlich genutzt haben, bis hin zu der Art und Weise, wie wir die Poster Session und Fragerunden organisiert haben, haben wir uns das alles anderswo abgeguckt. Manche Organisatoren anderer Online-Konferenzen haben ihre Erfahrungen mitunter online gestellt, auch dort her haben wir viele Ideen bekommen. Und zu guter Letzt hatten wir das Glück, dass einige aus unserem Team schon mitgeholfen haben, die „Mainhatten Lecture Series“ zu organisieren – da kam ein großer Erfahrungsschatz von „das funktioniert, das funktioniert nicht“ zusammen. Ich glaube, hätte ESISyNC im März direkt nach dem Lockdown stattgefunden, hätte ich mir die Organisation als Online-Event nicht zugetraut. Aber nachdem man gesehen hat: Okay, es funktioniert schon, ist es ein bisschen weniger gruselig, mit sowas anzufangen.

Frederike Klein: Ich glaub unseren Rednern hat das auch sehr geholfen, dass die meisten schon Erfahrungen mit Virtual Talks hatten. Wir hatten jetzt nur zwei Speaker, die gebeten haben: „Wir wollen das nochmal testen.“ Alle anderen empfanden Online-Vorträge schon fast als Standard.

Gestern war der letzte Konferenztag. Alles hat geklappt. Was war für euch das absolute Highlight, für das sich die ganze Arbeit gelohnt hat?

Rasmus Roese: Für mich ist es insgesamt großartig, wie gut alles geklappt hat. Ich meine, wir haben alle vorher noch nie so eine Online-Moderation gemacht und dann ist alles doch sehr flüssig ohne größere Pannen gelaufen. Der Kontakt zu den Rednern war so freundlich und persönlich, das hätte auch bei Kaffee und Gespräch von Angesicht zu Angesicht nicht besser sein können. Und dann hat ESISyNC dadurch, dass sie online stattgefunden hat, eine ganz andere Reichweite bekommen. Fast 200 Leute waren registriert. Es wären wahrscheinlich noch mehr geworden, hätten wir keine Anmeldefrist gehabt. Natürlich waren nicht immer alle bei jedem Talk anwesend, der Rekord lag so um die 110 Zuhörer, aber dabei muss man mal im Kopf behalten: In unseren Konferenzraum am ESI hätten so viele gar nicht rein gepasst.

Frederike Klein: Ja, das war wirklich ein sehr schöner Aspekt. Wir hatten viele Anmeldungen von Studenten, die sonst zu solchen Konferenzen nicht kommen können, einfach weil sie keine Möglichkeit haben, die Reisekosten zu decken. Es gab auch Anmeldungen aus dem arabischen Raum und aus Afrika. Da hat man dann schon das Gefühl, solche virtuellen Konferenzen tragen dazu bei, dass Bildungschancen gleicher verteilt werden.

Benjamin Stauch: Ich glaube, das ist einer der großen Vorteile von Online-Konferenzen. Mir ist es schon früher aufgefallen und auch jetzt bei ESISyNC habe ich es wieder bemerkt: Studierende oder auch Doktoranden* trauen sich bei Online-Vorträgen eher, eine Frage zu stellen, als es wenn sie in einem Raum voller etablierter Forscher sitzen und in ein Mikrofon sprechen müssen. Auch die Diskussionen um die Poster waren aus meiner Wahrnehmung viel aktiver. Bei physischen Konferenzen habe ich schon oft ewig dagestanden und gewartet, bis jemand kommt; online läuft das irgendwie besser. Und dann darf man nicht vergessen, dass es ökologisch natürlich besser ist, wenn nicht jeder um den Globus reist, um zwei Tage auf einer Konferenz zu sein.

Was sagt ihr euren Kolleginnen und Kollegen, die ESISyNC nächstes Jahr organisieren werden? Unter der Voraussetzung, die Covid-19-Situation ist bis dahin entspannter: online oder vor Ort?

Rasmus Roese: Ich könnte mir eine Mischung aus beidem sehr charmant vorstellen. Die persönliche Interaktion, die kleinen Gespräche in den Pausen, das Networking – das sind alles Sachen, die online nicht so einfach funktionieren. Gerade kleine Konferenzen wie ESISyNC leben vom direkten Kontakt, und den wollen wir auch wieder haben. Aber vielleicht müssen nicht alle vor Ort sein. Man könnte mehrere Laptops in den Kaffeepausen aufstellen und so denen die Chance geben, dabei zu sein, die nicht kommen können oder aus ökologischen Gründen nicht wollen.

Frederike Klein: Ich persönlich mag Konferenzen vor Ort lieber, aber natürlich wäre es toll, die Vorteile von Online und Offline zu kombinieren. Allerdings: Mir sind schon bei der Organisation dieser reinen Online-ESISyNC graue Haare gewachsen. Ich glaube eines von beidem – virtuell oder vor Ort – ist schon genug zu tun.

Die Vermessung des Gehirns

Karten vom Gehirn sind ein wichtiges Hilfsmittel, um zu verstehen, wie unsere Denkzentrale funktioniert. Es sei denn, die Karte ist falsch. Eine aktuelle Publikation unter Beteiligung von Wissenschaftlern des ESI zeigt, dass ein großer Teil der Forschung, die sich mit der emotionalen und kognitiven Verarbeitung bei Nagetieren befasst, auf einem Kartierungssystem beruht, das keinen Sinn macht.

30 Jun 2020


So wie Geografen Karten erstellt haben, in denen jeder Winkel der Erde dargestellt ist, erstellen Neurowissenschaftler Karten, die verschiedene Eigenschaften des Gehirns erfassen. Auf diese Weise versuchen sie herauszufinden, wo die Grenzen zwischen Hirnabschnitten liegen, die unterschiedliche Funktionen erfüllen. (Image credit: ESI; nach Vorlagen von Wytfliet's map of the world courtesy of University of Texas at Austin und Jon Philips / iconspng.com)

So wie Geografen Karten erstellt haben, in denen jeder Winkel der Erde dargestellt ist, erstellen Neurowissenschaftler Karten, die verschiedene Eigenschaften des Gehirns erfassen. Auf diese Weise versuchen sie herauszufinden, wo die Grenzen zwischen Hirnabschnitten liegen, die unterschiedliche Funktionen erfüllen. (Image credit: ESI; nach Vorlagen von Wytfliet's map of the world courtesy of University of Texas at Austin und Jon Philips / iconspng.com)

Als Christoph Kolumbus 1492 in San Salvador an Land ging, war er überzeugt, in Asien gelandet zu sein. Hätte er, wie einige Jahre später Amerigo Vespucci, eine Karte der Küstenlinie gezeichnet, hätte er seinen Fehler bemerkt. „Karten sind mächtige Werkzeuge, die uns helfen, die Welt zu verstehen“, sagt Martha Nari Havenith, Forschungsgruppen-Leiterin am ESI. In einer kürzlich erschienenen Publikation zeigen sie und ihr Team, dass viele Hirnforscher, die mit Mäusen arbeiten, eine Hirnkarte verwenden, mit der sie sich – im übertragenen Sinne – in Asien verorten, obwohl sie in Amerika sind.

So wie Geografen Karten erstellt haben, in denen jeder Winkel der Erde dargestellt ist, erstellen Neurowissenschaftler Karten, die verschiedene Eigenschaften des Gehirns erfassen. Auf diese Weise versuchen sie herauszufinden, wo die Grenzen zwischen Hirnabschnitten liegen, die unterschiedliche Funktionen erfüllen. Allerdings wissen wir über das Gehirn viel weniger als inzwischen über die Erde bekannt ist. Neurowissenschaftler haben deshalb heute noch ähnliche Probleme wie damals die Entdecker der Neuen Welt: Ihre Karten zeigen gelegentlich eher das, was allgemein akzeptiert ist, als das, was wirklich ist. Ein Beispiel dafür sind die gängigen Karten zu einem bestimmten Bereich des Gehirns von Nagetieren, wie Martha Nari Havenith und ihre Kollegen jetzt zeigen konnten.

Unterschiedliche Befunde

„Ich hätte es nie bemerkt, wenn meine Doktorandin Sabrina nicht so akribisch darin gewesen wäre, ihre Ergebnisse mit der Literatur zu vergleichen“, erinnert sich Martha Nari Havenith. Sabrina van Heukelum hatte die Funktion eines Hirnareals namens anteriorer cingulärer Cortex, oder kurz ACC, untersucht. ACC hilft dabei, dass wir uns situationsgerecht verhalten können, indem wir emotionale Informationen verarbeiten und impulsives Verhalten in Schach halten. In ihrer Doktorarbeit wollte Sabrina van Heukelum genauer herausfinden, wie ACC aggressives Verhalten kontrolliert. Dazu verglich sie anatomische Merkmale der Gehirne von Mäusen, die unterschiedlich aggressiv waren. Sie stellte fest, dass sich der ACC in zwei Teilbereiche gliedern lässt: Bei den aggressiven Mäusen hatte der eine Teil des ACC im Vergleich ein deutlich größeres Volumen. Der andere Teil war genau umgekehrt viel kleiner als bei den weniger aggressiven Artgenossen.

Ein eindeutiger Befund, der zu dem passt, was von Menschen und Affen bekannt ist. Dort unterscheiden Forscher zwei Teilbereiche des ACC: den vorderen ACC und den hinteren sogenannten midcingulären Cortex, kurz MCC. Der Unterschied zwischen ACC und MCC liegt in der Funktion der Hirnabschnitte. Der ACC ist immer dann aktiv, wenn es um die Verarbeitung von Emotionen geht. Der MCC ist stärker beteiligt an der Lösung kognitiver Aufgaben.

Unterschiedliche Karten

Dass es diese Arbeitsteilung auch im cingulären Cortex von Mäusen gibt, war bisher nicht allgemein bekannt, erklärt Martha Nari Havenith. „Am Anfang haben wir gedacht, die Erforschung des cingulären Cortex bei Mäusen würde einfach noch in den Kinderschuhen stecken und das wäre der Grund, warum diese unterschiedlichen Funktionen dort nicht so gut beschrieben sind.“ Doch dann schaute Sabrina van Heukelum noch einmal genauer hin. Sie verglich ihre eigenen Daten mit dem, was anderer Forscher vor ihr gemacht hatten, und stellte fest: Viele Studien hätten wahrscheinlich den von ihr beschriebenen Unterschied gefunden, wenn sie dieselbe Hirnkarte verwendet hätten. Die Karten, die am häufigsten benutzt werden, um durch die Gehirne von Ratten und Mäusen zu navigieren, unterteilen den cingulären Cortex nicht in die funktionell unterschiedlichen Abschnitte ACC und MCC. Für Nagetiere gibt es eine historisch gewachsene Konvention, die den cingulären Cortex in die Abschnitte Cg1 und Cg2 unterteilt. Die Grenze zwischen diesen beiden Regionen liegt genau senkrecht zu der Grenze, die man ziehen würde, wenn man wie bei anderen Spezies in ACC und MCC unterteilen würde. „Wir haben unsere Daten noch einmal analysiert und dabei die für Mäuse übliche Unterteilung in Cg1 und Cg2 benutzt. Das Ergebnis war einfach Rauschen. Der Effekt war komplett verschwunden“, erklärt Sabrina van Heukelum. Die Unterschiede im Volumen der Hirnabschnitte, die vorher eindeutig waren, wurden jetzt vermischt und hoben einander auf. Dass der cinguläre Cortex eine Rolle bei der Kontrolle von aggressivem Verhalten spielt, war nicht mehr zu erkennen.

Einteilungen des Cingulären Cortex im Vergleich. Abbreviations: ACC, anterior cingulate cortex; Cg1, cingulate area 1; Cg2, cingulate area 2; IL, infralimbic cortex; MCC, midcingulate cortex; PL, prelimibic cortex. (Image credit: Sabrina van Heukelum, Trend in Neuroscience, Mai 2020)

Einteilungen des Cingulären Cortex im Vergleich. Abbreviations: ACC, anterior cingulate cortex; Cg1, cingulate area 1; Cg2, cingulate area 2; IL, infralimbic cortex; MCC, midcingulate cortex; PL, prelimibic cortex. (Image credit: Sabrina van Heukelum, Trend in Neuroscience, Mai 2020)

Sicher wäre es sinnvoller, eine Definition von Hirnarealen festzulegen, die auf der Funktion der Regionen beruht und womöglich für alle Arten gleich ist. Ein solches universales Kartierungssystem haben andere Forscher schon vor Martha Nari Havenith gefordert. Die Arbeit aus ihrer Gruppe ist aber die erste, die zeigt, wie dramatisch sich das Festhallten an historischen Konventionen auf den Wissensgewinn auswirken kann. Zeit umzudenken, meint dementsprechend die ESI-Forscherin: „Schlussendlich forschen wir Neurowissenschaftler nicht an Nagetieren, um Mäuse besser zu verstehen. Wir wollen das Gehirn an und für sich verstehen.“ Die Wissenschaftler hoffen, dass ihre Ergebnisse andere Forscher dazu bringen, die etablierten, aber veralteten Hirnkarten für Nagetiere nicht mehr zu verwenden. Das würde es sicher leichter machen zu erkennen, ob man sich im neuronalen Asien befindet oder Amerika entdeckt hat.

Original publication: van Heukeum, S., Mars, R.B., Guthgrie, M., Buitelaar, J.K., Beckmann, C.F., Tiesinga, P.H.E., Vogt, B.A., Glennon, J.C., Havenith, M.N. (2020). Where is cingulate cortex? A cross-species view. TINS 43(5), P285-299. https://doi.org/10.1016/j.tins.2020.03.007

COVID-19 Vorsichtsmaßnahmen am ESI

Die Zahl der COVID-19-Infektionen in Deutschland nimmt zu. Jeder ist aufgefordert, durch verantwortungsbewusstes Handeln die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und damit den Zusammenbruch des medizinischen Systems zu verhindern. Das ESI nimmt diese Verantwortung sehr ernst. Als Folge davon sind Besuche am ESI derzeit nur eingeschränkt möglich.

18 Mar 2020


Wir bemühen uns sicherzustellen, dass das Institut ein sicherer Arbeitsplatz bleibt. Wir versuchen deshalb, die Zahl der Personen, die im Gebäude ein- und ausgeht, auf das nötige Minimum zu reduzieren:

  • Alle öffentliche Vorträge sind bis auf weiteres abgesagt.
  • Falls Sie einen Besuch am ESI geplant haben, bitte verschieben Sie den Termin wenn möglich bis auf weiteres.
  • Falls Sie das ESI besuchen müssen, setzen Sie sich bitte rechtzeitig mit Ihrem lokalen Ansprechpartner per E-Mail oder Telefon in Verbindung.
  • Wenn Sie das Gebäude betreten, benutzen Sie bitte den Desinfektionsmittelspender am Eingang.
  • Begrüßen sie niemanden mit Handschlag!
  • Halten Sie Abstand!
Atemschutzmaske © Thomas Wunderle